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Kritik der Grenzwerte

Grenzwerte sind ein wertvolles Hilfsmittel zur Beurteilung von Meßwerten. Wegen ihres Anspruchs auf Allgemeingültigkeit sollte man erwarten, daß sie mit größter Sorgfalt und mit wissenschaftlichen Methoden festgelegt und begründet sind. Im folgenden möchte ich einen Eindruck von der Güte von Grenzwerten vermitteln.

 

1) Zielsetzung

Das Ziel, das mit Hilfe eines Grenzwerts erreicht werden soll, besteht darin, gewisse schädliche Wirkungen abzugrenzen. In der Formulierung des Ziels finden wir Wendungen wie „nachhaltig“, „weitestgehend“, „angemessen“, „im allgemeinen nicht zu besorgen“ und ähnliches mehr. Zielsetzungen, sofern sie überhaupt formuliert sind, sind meist nur vage und unpräzise.

 

2) Der Zusammenhang zwischen Schadstoff und Wirkung

Die Wirkung eines Schadstoffes hängt im allgemeinen von vielen, zum Teil unbekannten Parametern ab (dem betroffenen Individuum, dem Ort, der Zeit etc.). Über diese verborgenen Parameter wird bei der Bestimmung des Zusammenhangs von Schadstoff und Wirkung gemittelt. Es werden Zusammenhänge schematisiert, die tatsächlich höchst individuell verlaufen. Die Methoden zu ihrer Ermittlung (z.B. epidemiologische Untersuchungen) sind mit Unsicherheiten behaftet, die sich in ihren sogenannten Sicherheitsfaktoren widerspiegeln. Diese liegen, je nach Steilheit der Relation, der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Wirkung, dem Kenntnisstand und dem Einfluß der abstrahierten Randparameter in der Größenordnung von 10 bis 1000. Der Begriff "Sicherheitsfaktor" ist in diesem Zusammenhang natürlich eine Euphemie und sollte eigentlich Unsicherheitsfaktor heißen.

 

 3) Grenzwertsetzung

Aus dem erklärten Ziel und der Schadstoff-Wirkung-Relation sollte in einfacher Weise ein Grenzwert abgeleitet werden können. Man nehme die kleinste Schadstoffmenge, derart daß die zugehörige Wirkung dem formulierten Ziel entspricht. Wegen der Unsicherheiten in beiden Prämissen ist der Weg zur Grenzwertfindung meist ein ganz anderer. Sie wird beeinflußt von technischen Machbarkeiten, politischer Durchsetzbarkeit, Expertenmeinungen oder gar von demokratischen Abstimmungen. Die so entstandenen Grenzwerte suggerieren ein Wissen über Wirkungszusammenhänge, das tatsächlich nicht besteht. Grenzwerte, wenn sie einmal gesetzt sind, sind selbststabilisierend und werden selten hinterfragt.

 

 4) Arten von Grenzwerten

Es gibt vier Arten von Grenzwerten, nämlich solche, bei deren Einhaltung die schädliche Wirkung unterbleibt, solche, bei deren Nichteinhaltung die schädliche Wirkung erfolgt, solche, bei denen unklar ist, ob sie von der 1. oder 2. Art sind und solche, die ihr versprochenes Ziel pervertieren.

 

Grenzwerte der ersten Art nennt man im allgemeinen Vorsorgewerte. Grenzwerte der 2. Art werden mit „Handlungsrichtwert“, „Sanierungsrichtwert“ oder nichtssagenden Wörtern wie „Hilfswert-2“, „Richtwert-2“ und ähnlichem belegt. Relativ gut herausgearbeitet ist der Unterschied zwischen den Grenzwerten erster und zweiter Art in den Altlastenmerkblättern des Bayerischen Landesamts für Wasserwirtschaft. So sollen z.B. nach Merkblatt 3.8/1 bei Gehalten unter der sogenannten Stufe-1 keine schädlichen Wirkungen auftreten, während Gehalte über der Stufe-2 notwendigerweise schädliche Wirkungen nach sich ziehen. Die Grauzone zwischen den beiden Stufen ist ein Maß für die Unschärfe des Grenzwerts (Faktor 5 bis 10).

Trotz des wesentlichen Unterschieds von Grenzwerten der 1. und der 2. Art bleibt ihr eigentlicher Charakter meist verborgen, so daß die 3. Art die Hauptpopulation unter den existierenden Grenzwerten darstellt.

Grenzwerte der 4. Art finden wir zum Beispiel in der Klärschlammverordung. Sie „dient ... dem Schutz der Böden bei der Anwendung von Klärschlamm“. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden Schadstoffhöchstwerte im Boden festgesetzt. Wird jedoch ein gering belasteter Boden mit höher belastetem Klärschlamm behandelt, so wird er nicht geschützt, im Gegenteil. Nur ein hoch vorbelasteter Boden wird durch die Anwendung von gering belastetem Klärschlamm verbessert, also geschützt. Um das in der Präambel formulierte Ziel zu erreichen, wären also keine Höchstwerte, sondern Mindestschadstoffgehalte im Boden zu fordern.

Paradigmatisch für Grenzwerte der 4. Art ist auch das Bodenschutzgesetz. Zweck dieses Gesetzes ist es, „nachhaltig“ die Funktion des Bodens zu sichern oder wieder herzustellen. Die zugehörigen Verordnung erläßt jedoch Grenzwerte, die nicht den Schutz des Bodens zum Inhalt haben, sondern vielmehr den Schutz vor Boden.

 

5) Grenzwerte und Meßwerte im Vergleich

Vergleicht man die Unwägbarkeiten, die Unsicherheiten und Unschärfen auf der Seite der Grenzwertermittlung mit dem unvermeidbaren Fehler einer Routineanalyse oder einer Probenentnahme, so erkennt man die große Diskrepanz in der Präzision auf beiden Gebieten. Dennoch werden in letzter Zeit Gesetze, Grenzwerte und Richtlinien veröffentlicht, die ein derart übertriebenes Gewicht auf die Meßwertseite legen, daß der Eindruck entsteht, damit solle von der Unvollkommenkeit der anderen Waagschale abgelenkt werden. Doch wie groß ist die Unsicherheit bei der Ermittlung eines Grenzwerts? Wie groß ist die Streuung bei einer Doppelbestimmung eines Grenzwerts? Wie richtig ist ein Grenzwert?

Wenn man zwei mit Unschärfe behaftete Größen vergleichen möchte, so ist die Güte dieses Vergleichs von derjenigen Größe mit der höheren Unschärfe bestimmt. Daher sei frei nach C. F. Gauss folgende provokative These aufgestellt: In nichts zeigt sich der Mangel an analytischer Bildung mehr als im übertrieben genauen Analysieren.